Umstrittenes Cannabis

Die „Freischaltung“ der Indikationen von Cannabinoiden am deutschen Markt durch Änderung der Gesetzgebung am 10.3.2017 führte zur Skepsis und Verunsicherung in den Fachkreisen und immensen Missverständnissen bei Schmerzpatienten. Einerseits hört der Patient Medienmeldung wie „Kiffen auf Rezept“, andererseits möchte der verantwortungsbewußte Arzt kein „Dealer“ für seine Patienten werden. Ein weiteres Problem stellt die unübersichtliche Palette an verfügbaren Präparaten dar.

Aktuell sind in Deutschland unterschiedliche Zubereitungen verfügbar:
– Medizinhanf als Blüten, 14 verschiedene Sorten, THC-Konzentrationen zwischen 1-22%, CBD-Konzentrationen zwischen 0,05-9%. Aktuell existieren keine fundierte Dosierungsangaben. Die 30-Tage-Verschreibungshöchstmenge liegt bei 100g.
– THC/CBD-haltiges Mundspray, zugelassen bei MS mit einer Dosierung von 2,7 mg THC und 2,5 mg CBD pro Sprühstoß und maximaler Tagesdosis von 12 Sprühstößen/ Tag.
– THC-haltiges Öl oder Kapseln als Zubereitung im Rahmen eines individuellen Heilversuchs mit Tagesdosierung zw. 5- 30 mg.
– Synthetisches THC-Analogon Nabilon, zugelassen bei Chemotherapie-induzierter Emesis und einer empfohlenen Dosis zw. 2-4 mg/Tag.
Der liberalisierten Präskription von Cannabinoiden, unterstützt durch Politik und medienwirksame, emotionale Einzelfallberichte und unsachliche Angaben zu „etablierten Indikationen“ und Diskrepanz innerhalb der Fachgesellschaften am internationalen Podium steht die kritische Bewertung der Evidenz gegenüber.
2017 wurde von Häuser et al. eine kritische Übersicht systematischer Reviews und prospektiver Studien zum Einsatz von Cannabinoiden in der Schmerz- und Palliativmedizin publiziert, deren Bewertung nach den Qualitätskriterien der evidenzbasierten Medizin hier skizziert wird:
Tumorschmerzen: keine Evidenz
Appetitlosigkeit: keine Evidenz
Übelkeit/ Erbrechen: keine Evidenz
Arthritis: keine Evidenz
Colitis ulcerosa: keine Evidenz
Demenz: keine Evidenz
Chronische Pankreatitis: keine Evidenz
Fibromyalgiesyndrom: keine Evidenz
Neuropathischer Schmerz: eingeschränkte Evidenz für THC/CBD-Spray (dritte Wahl)
Facit: Cannabis auf Rezept gibt es lediglich als individuellen Behandlungsversuch mit aktuell fraglicher Evidenz. Die Patientenauswahl muss kritisch erfolgen. Cannabis ist definitiv KEIN ERSATZ für Medikamente. Die einzige ERPROBTE Zulassung ist Spastik bei Multipler Sklerose, also einem zentralen Schmerz bei Querschnittssyndrom. Diesbezüglich sollten die Patienten beraten werden.
Literatur:
Häuser W, Fitzcharles MA, Radbruch L, Petzke F. Cannabinoide in der Schmerz- und Palliativmedizin. Eine Übersicht systematischer Reviews und prospektiver Beobachtungsstudien. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 627-634.
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