Was ist Schmerz und wie entsteht er?

Viele Patienten sind besorgt, dass sie sich ihre Schmerzen nur „einbilden“. Sie fühlen sich, als würde sie ihr Umfeld taxieren und prüfen, ob ihr Schmerz und Leiden real oder berechtigt sind. Nach einer langen Odyssee von Behandlungen und Abklärungen denken viele sogar, der Schmerz sei nur in ihrem Kopf. Lassen Sie uns also kurz auf diese „Kopfsache Schmerz“ eingehen. Die allgemeine Definition (Internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes) von Schmerz beschreibt diesen als „ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird“. Schmerz ist also eine Sinneswahrnehmung und eine Empfindung – somit ist Schmerz immer (auch) eine Kopfsache. Ohne die notwendigen Gehirnstrukturen gibt es keine bewusste Empfindung. Weder eine Empfindung von Kummer, von Leid, von Schmerz oder sonst. Die Sache mit der Sinneswahrnehmung ist wiederum etwas komplizierter und nur bedingt gültig. Um etwas zu einer Sinneswahrnehmung zu deklarieren, muss es ein spezifisches Fühlorgan- also Rezeptor geben. Dies gilt für Schmerzen aber nur bedingt. Unsere Haut, Gelenke, Muskulatur und Bänder, ja sogar die Wände von Eingeweiden verfügen über eine Vielzahl von Rezeptoren, welche auf spezifische Reize reagieren. Rezeptoren befinden sich meist am (unteren Ende) eines Nerven. Einen spezifischen Rezeptor für Schmerz gibt es aber nicht. Es gibt jedoch Rezeptoren für Druck, Dehnung, Temperatur und spezifische chemische Botenstoffe. Diese Modalitäten können die Rezeptoren erregen. Und sie können als Schmerz wahrgenommen werden. Das entscheidende Merkmal vieler Rezeptoren ist die Reizschwelle, also der Moment, in dem der Rezeptor feststellt – hoppla, jetzt ist es aber zuviel an Druck, zuviel an Temperatur, zuviel an Dehnung, zuviel Konzentration an chemischen Substanzen usw. Ein Rezeptor kann hoch spezialisiert sein und nur auf eine bestimmte Modalität „reagieren“- zum Beispiel Temperatur, oder er kann auf mehrere Reize ansprechen. Wird eine bestimmte Temperatur überschritten oder unterschritten, aktiviert der Rezeptor eine Signalkaskade, welche das Signal über eine Nervenfaser weiterleitet. Zu hohe oder zu niedrige Temperaturen können einen Gewebeschaden verursachen, somit ist dieser Mechanismus im Sinne eines Schutzes durchaus vernünftig. Eine Empfindung des Schmerzes kommt aber weder am Rezeptor, noch im Nerv zustande. Noch ist es nur ein Signal, welches weitergeleitet wird.

Schlägt man sich mit einem Hammer auf den Kleinfinger, tut weder der Hammer, noch der Finger, noch der Schlag weh – Schmerz entsteht durch fortgeleitete Signale von aktivierten Rezeptoren auf Druck, Dehnung, sowie chemischen Substanzen aus zerstörten Hautzellen. Obwohl der Ort und Ursache weit peripher sind, wir der Schmerz erst im Gehirn als solcher wahrgenommen.

Ähnlich verhält es sich mich chemischen Rezeptoren oder Rezeptoren für Dehnung. In unseren Organen führt die „Aktivierung“, also Überdehnung eines Dehnungsrezeptors zum Empfinden von krampfartigen Schmerzen. Auch hier muss aber zuerst das Signal vom Nerven im Gehirn ankommen. Dies geschieht über sogenannte Bahnen in unserem Rückenmark. Diese leiten, verstärken, schwächen oder modulieren das Signal auf dem Weg zum Gehirn. So unterliegt die Übertragung von Signalen auf der Rückenmarksebene vielen Veränderungen.

Unser Nervensystem ist kein starres Leitungsrohr, sondern ein komplexes, sich veränderndes Netzwerk.

So kann sich die Empfindlichkeit von Rezeptoren und Nervenverbindungen dynamisch verändern. Verbrennen Sie sich beispielsweise den Finger an einer Herdplatte, werden durch die geschädigten und aufgelösten Zellen Substanzen frei, welche in der Umgebung die Erregungsschwelle von Rezeptoren herabsetzen oder Rezeptoren direkt aktivieren. Sie haben den Finger zwar von der heissen Herdplatte weggezogen, spüren aber den Schmerz noch immer. Und was noch wichtiger ist, bereits leichte Berührung der verbrannten Stelle und deren Umgebung verursacht nun Schmerzen. Diesen Prozess bezeichnet man Sensibilisierung. Sie führt zu einer Schmerzhaftigkeit bei nicht schmerzhaften Reizen (durch Herabsetzten der Reizschwelle von Rezeptoren) und einer Ausbreitung des schmerzhaften Areals (beispielsweise um eine Verletzung herum durch aktive chemische Substanzen, welche Rezeptoren direkt aktivieren oder deren Reizschwellen herabsetzen). Der Prozess der Sensibilisierung kann sowohl am Anfang der Schmerzkaskade, also am Rezeptor erfolgen, oder im Rückenmark. Er kann zu einer Ausbreitung des Schmerzes, zu einem langandauernden Schmerz oder auch zu einer Veränderung von ursprünglich nicht schmerzhaften Empfindungen zu schmerzhaften. Das Signal wird im Rückenmark in Bündeln von Fasern, sogenannten Bahnen zum Gehirn geleitet. Allerdings handelt es sich um einen einfachen „Stromkreis“ mit einem Schalter und einer Glühbirne am anderen Ende, sondern aus mehreren Verzweigungen und „lernenden“ Schaltern. So werden die Rückenmarksimpulse zu mehreren Gebieten geleitet, welche für die Lokalisation des Schmerzes, den negativen emotionalen Charakter des Schmerzes und die Aufmerksamkeit und vegetative Reaktionen verantwortlich sind. Spezielle Areale im Hirnstamm steuern die Aufmerksamkeit und Fluchtreflexe, während tiefere Hirnareale für die emotionale Unterfärbung des Schmerzes als negatives Erlebnis zuständig sind. Durch die negative emotionale Komponente bekommt der Schmerz den Charakter eines Erlebnisses und eines starken Lernimpulses. Oder kennen Sie jemanden, der zweimal hintereinander den Finger in eine Steckdose reingesteckt hat? Durch Verschaltungen in unserem Gehirn und Rückenmark bekommt der Schmerz den Charakter eines negativen Erlebnisses, eines Lernimpulses und eines alarmierenden Signals für den Körper. Schmerz ist also eine Kopfsache: alarmierend und emotional. Durch weitere Projektion von Signalen in bestimmte Areale der seitlichen Hirnrinde wird die schmerzhafte Stelle bewusst wahrgenommen und lokalisiert.

Gibt es Menschen, die kein Schmerz empfinden? Tatsächlich existieren einige wenige Menschen, die keinen Schmerz empfinden können. Durch Mutation von speziellen Kanälen in Nervenzellen kommt es zur angeborenen Unempfindlichkeit von Schmerzen, genannt CIP, auch congenital insensitivity to pain. Weltweit sind etwa 60-100 Fälle bekannt. Man könnte meinen, diese Menschen müssten die glücklichsten Lebenwesen sein, oder? Diese Menschen können aber bereits im Kindesalter keine Verletzungen wahrnehmen. Sie zerbeissen sich die Mundschleimhaut und Zunge, brechen sich Knochen, verbrennen sich an heißen Gegenständen, ihre Augen trocknen aus und entzünden sich. Interessanterweise können diese Menschen dennoch Schmerzen von anderen Menschen als negatives Erlebnis „mitfühlen“. Zeigt man ihnen nämlich Videoaufnahmen, in denen sich andere Menschen verletzen oder leiden, so leiden diese Patienten mit und verziehen das Gesicht. Schmerz ist also weitaus mehr als ein elektrisches Signal und ihn zu spüren, zu empfinden oder zu fühlen ist etwas komplexer als einen Lichtschalter zu betätigen.

 

 

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