Was ist Schmerz? – Aus Patientensicht

Leben mit Schmerz – Ein Erfahrungsbericht
Oder: Moment. Wer ist hier eigentlich der Boss?

 Mittlerweile weiß ich so ziemlich alles über Schmerz. Wie er funktioniert. Medizinisch. Chemisch. Weiß von Leitungen und Glühbirnen und Schaltern. Okay.

In meiner Welt war die Frage, was Schmerz ist, leicht zu beantworten. Nämlich: Ziemlicher Mist. Inklusive der Erfahrungen, die ich damit gemacht habe. Dieser Erfahrungsbericht möge Sie bestärken: Sie sind nicht allein damit.

Mein Besuch bei den meisten Ärzten lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: 2 Stunden Zeitschriften lesen im Wartezimmer. Eine Viertelstunde warten im Besprechungszimmer. Nach 30 Sekunden war der erste Ausspruch eines Arztes, der mich wohl nur aus dem Augenwinkel betrachtet hat und bestenfalls in der Kürze der Zeit meinen Nachnamen und vielleicht noch mein Geburtsdatum wahrnehmen konnte, dieser:

Bringen Sie Ihr Leben in Ordnung, dann haben Sie auch keine Schmerzen mehr.

Herzlichen Dank auch. Schnell erkennend, dass das nicht mein Arzt wird, habe ich noch zwei oder drei verbale Ohrfeigen von ihm eingesteckt und ihm dann erklärt, dass aus uns beiden leider nichts wird.
Die Entscheidung war richtig, aber mit meinem Schmerz war ich jetzt erst einmal ziemlich allein. Ich stand nun vor der Entscheidung, wie ich damit umgehe. Nach diesen Arztbesuchen war ich niedergeschlagen und wütend. Ich habe mich hilflos gefühlt, denn der Schmerz hat definitiv mein Leben bestimmt und diktiert. Er war immer wach. Allgegenwärtig und nicht in den Griff zu bekommen.

Neben der weiteren Suche nach einem Arzt, der sich womöglich etwas mehr als 60 Sekunden Zeit nimmt und nicht über mich und mein Leben urteilt, bevor er mehr als meinen Namen von mir weiß, habe ich zwei Rehamaßnahmen durchlaufen und eine ganze Palette von Schmerzmitteln inklusive Morphinen eingenommen, Unmengen von Krankheitstagen angehäuft, Geld hingegen in dieser Zeit nicht, da das Leben mit Krankengeld / Übergangsgeld nicht gerade einfach ist. Aber das brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Sie kennen das sicherlich auch, wenn die Auszahlungsanträge verschwinden oder nie eingegangen sind, der Sachbearbeiter gerade in Urlaub ist oder krank und man die Bitte-Warten-Musik nachts um drei geweckt aus dem Stehgreif trällern kann.

In der  folgenden  Zeit habe ich begonnen, mit meinem Schmerz zu kommunizieren. Klingt schräg?

Mein Gedanke war, wenn er schon bei mir wohnt (oder sollte ich besser schreiben: Ungefragt bei mir eingezogen ist), muss auch er mich ertragen. Und das, lieber Schmerz, soll Dir keinen Spaß machen. Ich habe ihn oft beschimpft, meine Wut an ihm ausgelassen und ihm das Leben mit mir richtig schwer gemacht. In keinem Fall wollte ich mich von ihm unterkriegen lassen.

In den wenigen Augenblicken, in welchen er sich allerdings auch mal „kooperativ“ gezeigt hat, konnte ich sehen, dass Schmerz an sich eine gute Sache ist – wenn der Knabe es nicht übertreibt. Grundsätzlich ist er ja ein hilfreiches und wichtiges Warnsignal. So habe ich in mich hinein gespürt und sein mahnendes Aufflackern als „Stop-Signal“ angenommen. Mehr darauf geachtet, wie ich eigentlich mit mir umgehe. Wie oft ich mich übernehme. Wenig achtsam mit mir umgehe. Das hat mich klarer und geduldiger mit mir und auch im Umgang mit dem Schmerz werden lassen.

Diese „Wohngemeinschaft“ auf Dauer weiterbestehen lassen wollte ich allerdings nicht und habe weiter nach Lösungen gesucht, die ich letztlich in der Schmerztherapie mit Herrn Dr. Artner gefunden habe. Endlich ein Verbündeter auf diesem so schweren Weg, den wir erfolgreich gegangen sind.

Inzwischen geht es mir wieder gut. Mein Mitbewohner „Schmerz“ schaut immer mal wieder vorbei.  Nicht, dass ich ihn freudig begrüßen würde, aber ich lasse ihn quasi auf eine Tasse Kaffee herein.

Habe ihn als mahnenden Begleiter akzeptiert, allerdings auch klar gestellt, dass ich mein Leben lebe – nicht er. Und nochmal dauerhaft bei mir einziehen? Nein, lieber Schmerz – denn:

Ich bin hier der Boss.

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