Angst beginnt im Kopf. Mut auch.

Angst beginnt im Kopf. Mut auch.

Oder: Der Elefant Emil.

 Darf ich vorstellen: Mein Leben. Ein Hamsterrad aus Verpflichtungen, Sorgen, Ängsten, Beschränkungen, Belastungen – und jetzt  kommt noch der Schmerz dazu. Zu dem Alltags-Grau-in-Grau kommt jetzt noch die schwarze Schmerzwolke, die ein Gewitter inklusive Schmerzhagel auf mich niederprasseln lässt. Das macht  mich hilflos und ängstlich.

In meiner Angst krieche ich unter meine Selbstmitleid-Kuscheldecke. Darunter ist das Gewitter nicht so laut, der Hagel tut nicht ganz so weh und unter dieser Kuscheldecke trauen sich auch Gedanken an ein Leben hervor, wie es sein könnte, wenn…

….  da nicht dieser Schmerz wäre

…. dieses Hamsterrad aus Verpflichtungen

…. meine Sorgen

…. die Beschränkungen, die mir auferlegt sind und gegen die ich nichts machen kann

…. meine Angst.

Lauter Pflöcke, an denen ich gefesselt bin und die mich daran hindern, ein ganz anderes Leben zu führen. Ein Leben, das mich ausfüllt und nicht leert. Ein Leben, das mich beschwingt und nicht niederdrückt. Ein Leben, von dem ich mal sagen kann, es war mein Leben. Aber es spricht ja so viel dagegen. Ein ätzender Job – wie gern würde ich kündigen, aber das teure Leben. Die Rechnungen wollen auch bezahlt werden – diese Freiheit kann ich mir nicht leisten. Meine Beziehung, eine satt-und-sauber-WG, ein sich gerade mal so noch akzeptierendes Nebeneinander her leben. Man tut sich nichts. Aber auch nichts mehr Gutes. Trennen geht nicht. Wir sind doch schon so lange zusammen. Außerdem finde ich nie wieder eine andere Liebe.

Gegen den Schmerz habe ich sowieso keine Chance. Was ich nicht schon alles versucht habe und auf neue leere Versprechungen habe ich keine Lust mehr.

Kurz gesagt:

Die Möglichkeit, aus Alcatraz auszubrechen, scheint mir weit realistischer.

In solch einer Stimmung ist mir die Geschichte vom Elefanten Emil begegnet. Es gibt diese Geschichte in verschiedenen Variationen mit verschiedenen Tieren von verschiedenen Verfassern. Bei mir war es der Elefant Emil – vermutlich war es sein Job, mir über den Weg zu laufen. Zum einen, weil ich Elefanten liebe und zum anderen, weil ich ein kleineres Tier unter meiner Selbstmitleid-Kuscheldecke nicht entdeckt hätte.

Emil der Elefant

Emil ist im Zirkus geboren und aufgewachsen. Heute ist er etwa 4 m groß und sieben Tonnen schwer. Wenn er nicht gerade für eine Vorstellung im Zirkus gebraucht wird, ist er mit einer Kette an einem Pflock angebunden.

Moment. Dieser kleine Pflock hält ein so großes Tier gefangen? Das hat seinen Grund:
Als Emil noch klein war, hat er versucht, sich von diesem Pflock zu befreien. Immer und immer wieder. Er hat sich verletzt, es schmerzte und er hat gelernt, dass er zu schwach ist, sich von diesem Pflock zu lösen. Er hat aufgegeben, denn gegen die Gefangenschaft und gegen den Schmerz zu kämpfen, hat keinen Sinn.

Heute ist Emil ein sehr stattlicher und sehr trauriger Elefant, denn seine Gefangenschaft macht ihm sehr zu schaffen. Dieser verdammte Pflock, gegen den er keine Chance hat.

 Eines Abends, im Zirkus gingen nach der letzten Vorstellung gerade die Leute nach Hause und die Lichter aus, da war Emil mit seinen Freunden, den anderen Zirkus-Elefanten, mal wieder auf dem kleinen  Abstellplatz, angekettet wie immer. Er hatte die Augen geschlossen und versuchte, zu dösen. Plötzlich geschah es: Ein anderer Elefant hatte geschlafen und schlecht geträumt, im Schlaf schlug er um sich, dann hörte er ein Geräusch, wurde wach und sah nach unten. Der Pflock! Er war einfach aus dem Boden gerissen! Wahnsinn, alter Schwede!

Der befreite Elefant weckte seine Freunde, zum ersten Mal in seinem Leben konnte er frei auf sie zugehen. Er erzählte ihnen, was passiert  war. Emil und die anderen zögerten, aber nach einigem Drängen versuchten sie es doch. Sie zogen mit ihrer ganzen Kraft an den Pflöcken und nach und nach waren sie alle frei. 

Also zogen sie los, noch in derselben Nacht. Ließen erst den Zirkus hinter sich, dann das Dorf, dann noch viele Kilometer. Am nächsten Morgen waren sie endgültig angekommen, in ihrem neuen Leben ohne Fesseln:

Nicht nur frei, auch bunt ist es! Emil genießt sein neues Leben.

Nach einem schönen Tag in Freiheit planscht er besonders gern im Sonnenuntergang.

Du bist frei!

Ich glaube, nicht nur mir ging es damals so wie Emil, es geht vielen Menschen so. Wir haben, als wir noch kleiner und nicht so stark waren, gelernt, dass wir gegen viele Dinge im Leben keine Chance haben, weil wir zu schwach sind. Dabei sind wir vielen Ketten längst entwachsen, geben aber diesem und jenem kleinen Pflock die Macht, uns zu fesseln, weil wir uns unserer eigenen mit uns gewachsenen Stärke nicht bewusst sind.

Welche Ketten, die mich gefangen halten, sind nur kleine Pflöcke?

  • Wem und was gebe ich zu viel Macht über mich?
  • Wo bin ich stark wie ein Elefant und bleibe doch an dem Pflock – nur, weil ich früher gescheitert bin?
  • Warum halte ich mich klein?

Okay. Ich stelle den Pflock auf die Probe. Mit aller Kraft und aus vollem Herzen.

Angst beginnt im Kopf.

Mut auch.

Seien Sie neugierig. Mutig. Überrascht.

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