Alles ist doof. Punkt. Oder: Die Sache mit dem Fokus.

Meine Frage in die Runde: Was sehen Sie oben auf dem Beitragsbild?

Ich bin gespannt! Schreiben Sie Ihre Antworten auch gerne als Kommentar auf.

… und ich gestehe: Auch ich habe so geantwortet, wie es wahrscheinlich viele von Ihnen auch tun:

Einen schwarzen Punkt. Klar. Völlig logisch. Sonst ist da nix.

Sonst ist da nix? Wirklich?

Sehen Sie, so funktioniert unser Hirn und wohl auch wir. Sogar ich, die ich mich doch als „unerschütterlicher Optimist“ bezeichne, habe zunächst nur den schwarzen Punkt gesehen.

Da ist aber viel mehr auf dem Blatt.  Da ist nichts, das ich sehen kann. Genau. So habe ich ja sehen und denken gelernt. Immer schön fokussiert auf das vermeintlich „Wesentliche“, nämlich den schwarzen Punkt.

Kein Wunder also, wenn wir in unserem Leben – so, wie das hypnotisierte Kaninchen auf die Schlange starrt – auf diesen schwarzen Punkt starren. Der schwarze Punkt, der alles so unendlich schwer, finster und trist macht. Der schwarze Punkt Schmerz. Der schwarze Punkt Leid. Der schwarze Punkt Sorgen. Der schwarze Punkt Probleme. Der schwarze Punkt… Sie können Ihre eigene Liste an schwarzen Punkten sicher reichhaltig ergänzen.

So haben wir sehen gelernt. Schon in der Schule wird ja nicht rot umkringelt, was wir gut und richtig gemacht haben – nein, unser Fokus wird von Kindesbeinen an auf die Fehler gelegt. Nur aus diesen lernt man schließlich. Die haben Gewicht. Und was für eines – auch wiederum kein Wunder, dass uns dieses Gewicht, das ja mit jedem Lebensjahr anwächst, immer mehr belastet. Uns auf den Schultern liegt, uns die Angst vor weiteren Fehlern regelrecht im Nacken sitzt und diese irgendwann nicht mehr können und sich mit Schmerz melden.

Schaue ich in den Spiegel, sehe ich natürlich zuerst meine Makel.

Guten Morgen, Du schöner Tag… Vergiss es, sagt mein Spiegel.

Bad hair day ist angesagt. Im Gesicht noch das halbe Kissen, das ich heute Nacht wohl doll geknautscht habe und zupf hier und da… ich sollte mir vielleicht doch mal über eine andere Faltencreme Gedanken machen. Das war’s mit dem schönen Tag und mein Lächeln klebt vermutlich irgendwo an der Zahnpasta-Tube fest.

Auch die Medien versorgen uns in erster Linie mit schlechten Nachrichten. Kein Wunder also, dass wir zuerst nur den schwarzen Punkt sehen. Neurologisch übrigens völlig logisch, dass wir uns auf Angst und Schrecken fokussieren, weil wir unserem Urinstinkt folgend, das abspeichern (und viel schneller und leichter abspeichern, als die positiven Dinge, die wir erleben und um uns herum haben), vor dem wir uns im Zweifel schützen müssen oder davor wegrennen, um unser Leben zu schützen. Es ist also überhaupt nichts verkehrt mit uns.

Wenn Sie mit Schmerzen zu tun haben, kennen Sie das noch viel eindringlicher: Jeder Besuch beim Arzt zeigt Ihnen überdeutlich Ihre Makel auf. Krummer Rücken, komplett falsche Haltung, das Gangbild…, na, lassen wir das lieber und natürlich machen wir mehr falsch als richtig – sitzen, laufen, heben… Da sprießen die schwarzen Punkte wie Sommersprossen… Motivation pur.

So war mein Gefühl bei der ersten Reha übrigens. An mir ist alles komplett falsch und ich mache so viel falsch. Bämm. Nach dem ersten Reha-Tag saß ich abends dann erst einmal da und habe mir überlegt, ob das alles überhaupt einen Sinn hat. Soviel „falsch“ kann ich doch nicht schwuppdiwupp in „richtig“ ändern, sowieso, da es ja mir mitgegebene körperliche Grundvoraussetzungen gibt, die ich nicht uneingeschränkt beeinflussen kann.

Sie sehen aber: Mit dieser Fokussierung machen wir es uns ganz schön schwer.

Warum habe ich nicht kapituliert? Wegen der großen weißen Fläche um diesen schwarzen Punkt herum. Die steht für mich für Licht, Freude, Lachen, Liebe, Leichtigkeit, Freude, Genuss… all die Dinge, die den schwarzen Punkt unterm Strich ganz schön klein werden lassen.

In dieser weißen Fläche gab es damals auch einen wunderbaren Physiotherapeuten, der genau so gearbeitet hat: Den schwarzen Punkt zur Kenntnis nehmen und auch die Dinge, an denen wir (er hat das nicht allein auf meine Schultern gelegt – wir waren immer Teamplayer) arbeiten müssen, klar ansprechen. Er hat aber auch die guten Dinge gesehen. Die guten Dinge in meiner „technischen Ausstattung“ und die guten Dinge an mir. Meinen Kampfgeist, meinen Optimismus, meinen „Dickschädel“, der es zulässt, eine Übung gefühlt auch zum einhundertsten Mal zu wiederholen, mein Lachen. Auch die schöne weiße Fläche um den schwarzen Punkt herum.

Mein Fazit: Den Trick mit der Fokussierung auf den schwarzen Punkt habe ich durchschaut. Also lenke ich meinen Fokus künftig immer wieder und ganz bewusst auf die große weiße Fläche um diesen schwarzen Punkt. Wenn sich mein Urinstinkt-Hirn dagegen wehrt, mache ich ihm klar, dass wir nicht mehr in Höhlen leben und uns Keulen schwingend vor wilden Tieren schützen müssen. Achtsamkeit ist gut und wichtig, aber ich lasse mir von diesem Punkt nicht die ganze schöne, lebens- und liebenswerte weiße Fläche in meinem Leben kaputt machen.

Bleiben Sie neugierig. Mutig. Überrascht.
Das Leben ist schön. Punkt.

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