Resilienz Oder: Wie kann ich einem Sturm standhalten?

Resilienz. Klingt ziemlich erhaben und groß. Was steckt eigentlich genau hinter diesem Begriff? Die fachlich-sachliche Definition lautet:

„Resilienz (lat. resilire – „zurückspringen“, „abprallen“) bezeichnet die psychische
Widerstandsfähigkeit, d.h. die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch
Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für
Entwicklungen zu nutzen.
Mit Resilienz verwandt sind Gesundheit, Widerstandsfähigkeit und Selbsterhaltung.“
(Quelle: Wikipedia)

Können Sie damit auf Anhieb genau so viel anfangen, wie ich? Ich habe folgendes Bild für mich dazu entdeckt:

Ein Baum braucht hin und wieder einen Sturm, damit die Wurzeln sich stärken können. Oder ganz kurz gefasst: Das Leben geht weiter.

Wenn wir uns umschauen, gibt es Menschen, die kann anscheinend nichts wirklich erschüttern. Sie gehen scheinbar nur kurz in die Knie und kommen selbst nach einem schweren Schicksalsschlag schnell wieder auf die Beine. Andere Menschen tun sich schwer damit und fühlen sich selbst nach kleineren Herausforderungen des Lebens so, als hätte ein Tornado ihr Leben und ihre Seele komplett verwüstet. Sie tun sich schwer, wieder aufzustehen oder bleiben gar am Boden. Auch mit Schmerz gehen Menschen sehr unterschiedlich um – vielleicht haben Sie das im Kreis Ihrer Reha-Mitstreiter auch schon erkannt. Während der eine Patient  alle Möglichkeiten sucht und nutzt, um wieder auf die Beine zu kommen, bleibt dem anderen Patienten für sich nur der Weg, zu kapitulieren, keinen sinnvollen Lösungsansatz zu erkennen und aufzugeben.

Was aber macht diesen Unterschied aus?

Resilienz ist keine angeborene Eigenschaft, die man eben hat oder nicht. Sie ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch erlernen kann. Wie wir denken, worauf wir uns konzentrieren, unseren Fokus setzen und wie wir uns verhalten, beeinflusst, ob wir die Kraft aus uns schöpfen können, wieder aufzustehen.

Untersuchungen haben ergeben, dass resiliente Kinder, die in einem sozialen Umfeld, das z.B. von Armut, Drogenkonsum der Eltern oder Gewalt geprägt ist, sich zu erfolgreich sozialisierten Erwachsenen entwickeln. Resiliente Erwachsene haben gelernt, dass sie es sind, die über ihr Schicksal bestimmen können, Sie vertrauen nicht auf den Zufall, sondern nehmen Möglichkeiten wahr und ihr Leben in die Hand.

Was macht uns – und unsere Wurzeln – stark?

  • Positive, uns stärkende Beziehungen haben
  • Pläne schmieden und das Ruder in die Hand nehmen
  • Mit schwierigen Gefühlen umgehen können
  • Gut miteinander reden können.

(Sie können die Liste der Dinge, die Sie stärken sicher für sich reichhaltig ergänzen)

Klingt sehr theoretisch. Ich habe das für mich sprachlich und im Leben wie folgt übersetzt:

  • Menschen, die mir nur Energie abziehen, fliegen aus meinem Leben raus.
  • Ich definiere meine Ziele. So erkenne ich die Möglichkeiten zur Umsetzung und ergreife sie.
  • Alle Gefühle in mir dürfen da sein. Sie sind wichtig. Ich bleibe aber der Boss im Ring.
  • Gut miteinander reden heißt für mich, unzensiert sein dürfen, aber auch unzensiert annehmen.
    Nur offen und ehrlich miteinander reden bringt Klarheit. Ich bin klar genug, das anzunehmen.

Diese Umsetzung ist bei mir nicht von heute auf morgen passiert und war (und ist) auch nicht immer leicht.  Menschen die rote Karte zu zeigen, weil sie echte Krafträuber sind und mich nur ausnutzen, ist nicht leicht, denn sie liegen mir ja am Herzen und – klare Kommunikation mit mir selbst – haben ja lange Zeit mein Helferlein-Syndrom genährt. Inzwischen habe ich gelernt, solche Krafträuber schnell zu entlarven und mein Helferlein „zurückzupfeifen“.

Ziele definieren ist schwerer, als es sich liest. Meist weiß ich viel schneller, was ich nicht will. Die Aufforderung an mich, zu klären, wo die Reise überhaupt hingehen soll, hat mich aber aufmerksamer im Umgang mit anderen Menschen und auch im Umgang mit mir werden lassen. Da ich eher der ungeduldige Typ bin, ist es immer wieder eine Herausforderung, manchen Zielen ihre „Reifezeit“ zu lassen, sie dabei aber nicht aus den Augen zu verlieren. Aber es klappt.

Die Gefühle, wie sie manches Mal so über mich herein sprudeln. Die Einladung an alle Gefühle, dass sie da sein dürfen, hat mich – auch wenn es seltsam klingt – sehr entspannt. Freude – aber ja! Begeisterungsfähigkeit? Sowieso. Jemanden aus ganzem Herzen lieb haben? Nichts lieber als das. Trauer? Sei willkommen. Tränen putzen meine Seelenfenster. Wut? Na klar. Nach einem Gewitter ist die Luft herrlich klar. Ein Vollbad in Selbstmitleid? Muss auch mal sein – aber: Den Stöpsel ziehen nicht vergessen! Das Seelenpendel muss in beide Richtungen schwingen dürfen. Ich verharre nicht im Schmerz, lasse mich aber auch vom Glückstaumel nicht bewegungslos machen. So klappt das für mich mit der inneren Mitte.

Offene Kommunikation habe ich lange Zeit so erlebt: Mir durfte man alles an den Kopf werfen. Zurückwerfen war nicht erlaubt. Macht man ja auch nicht. Das hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Offen und ehrlich in beide Richtungen. Auch hier steckt eine große Herausforderung drin: Offene Kommunikation annehmen, auch wenn sie nicht immer angenehm ist. Wenn dieser Austausch wertschätzend stattfinden kann, ist unangenehm auch okay. Wenn nicht, bitte ich darum und mache, falls das nicht gelingt, auch mal einen Break. Lass uns weiter reden, wenn die Gemüter sich beruhigt haben. Das ist auch im Arbeitsleben manchmal nötig und hilfreich. Auch ein mich abgrenzen. Ein klares „Ja“ oder „Nein“ ist für beide Seiten hilfreicher, als lange um den heißen Brei herumreden.

Resilienz. So viel steht dahinter, bedeutet aber in keinem Fall, sein Herz und seine Seele in einen Regenmantel zu packen, damit ja alles abperlt. Was kann ich tun, um meine Resilienz zu stärken?

  1. Beziehungen pflegen

Gemeinsam sind wir stark. Sei es im Familienverbund oder im Freundeskreis. Sich unterstützen, gemeinsam lachen, einander Wegbegleiter sein. Die beste Medizin für die Seele – für meine und der Seele der Menschen, die mit mir sind.

  1. Einen Sinn in den Herausforderungen des Lebens finden

An den äußeren Umständen kann ich oft nichts ändern, aber an meinen „inneren Umständen“.
Das Leid, das ich erfahren habe, hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Die Herausforderung, die sich mir jetzt stellt, ist für etwas gut, auch wenn ich es vielleicht nicht gleich erkennen kann. Das macht für mich das (Er-)Tragen von schwierigen Lebenssituationen ein wenig leichter. Nichts passiert ohne Grund. Wenn ich vor lauter Schmerz gar nichts mehr sehen kann, fällt mir meine Omi ein, die in solchen Nebelschwaden-Lebenslagen immer gesagt hat: „Du weißt nie, wofür es gut ist.“

  1. Optimistisch sein
    Ich habe Schmerzen, da kann mir Dein Optimismus gestohlen bleiben. Wir kennen dieses Gefühl alle, denke ich. Aber: Optimistisch sein heißt ja nicht, alle Gefühle wie Schmerz, Trauer oder Wut zu verbieten. Denken Sie an das Pendel, das in beide Richtungen schwingen können darf. Optimistisch sein heißt für mich, ich lasse die – vermeintlich „negativen“ – Gefühle zu, verharre aber nicht in diesen, sondern glaube daran, dass keine Krise ewig dauert, ich gestärkt daraus hervorgehe, vielleicht ja etwas daraus lernen soll und blicke optimistisch nach vorn. Manches Mal auch optimistisch zurück: Was habe ich in meinem Leben bisher alles geschafft? Aber Hallo, das kann sich durchaus sehen lassen. Das gibt mir Kraft. Jetzt und hier.

4.     Entscheidungen treffen

Nichts hemmt uns mehr, als das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Dem Schmerz,
der  Situation am Arbeitsplatz, der Beziehung, die uns nicht mehr nährt und stärkt.
Wir können nichts tun. Ganz klares: Falsch! Wir haben immer einen
Entscheidungsspielraum, so klein er auch sein mag. Nutzen wir ihn. Eine eigene
Entscheidung getroffen – sei sie noch so klein – befreit uns aus dieser Hemmung. Ja,
ich gehe den Weg der Schmerztherapie. Selbst wenn das wie und wann noch nicht
ganz klar ist, aber die Entscheidung ist getroffen. Damit ist der erste Schritt auf
diesem Weg gegangen und er wird sich fortführen. Eine schwierige Situation am
Arbeitsplatz. Treffen Sie die – vielleicht längst überfällige – Entscheidung. Diese ist
vielleicht nicht heute und morgen umsetzbar, aber auch hier: Der erste Schritt ist
getan, weitere werden sicher folgen. Ist es an der Zeit, eine Beziehung zu beenden?
Auch hier: Treffen Sie eine klare Entscheidung und nutzen Sie die Energie, die Sie
bisher zum Festhalten verwendet haben, für Ihr Leben und für Ihre
Zukunftsgestaltung.  Dabei helfen mir folgende Fragen:

  • Was werde ich in meinem Leben nicht mehr tolerieren / ertragen / mit mir machen lassen?
  • Was brauche ich, damit es mir gut geht? Was / womit kann ich mir Gutes tun?

Dadurch werden wir übrigens keine gnadenlosen Egoisten. Wir sind achtsam mit uns.

  1. Das Leben ist Veränderung

Jedes Mal, wenn ich in den Ort zurück komme, in welchem ich aufgewachsen bin, hat sich irgendwas verändert. Manches finde ich gut, bei manchen Veränderungen packt mich die Wehmut. Wie im richtigen Leben. „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen“. So ein chinesisches Sprichwort. Alles kommt und geht. Das Gute, aber auch das Schlechte. Mit diesem Gedanken genieße ich das Gute noch intensiver und lasse mich von dem Schlechten nicht unterkriegen, denn auch das hat keinen Bestand und wird vorbei gehen.

  1. Achtsamkeit praktizieren

Achtsamkeit lehrt uns, die Dinge loszulassen, die uns unnötig belasten und hemmen. Sorgen über Dinge, die wahrscheinlich nie eintreffen? Der blöde Kommentar des Busfahrers, der mir beim Einsteigen entgegen brummelt, ich solle erst einmal laufen lernen, bevor ich öffentliche Verkehrsmittel nutze? Achtsamkeit hilft mir, aus diesem Gedankenstrudel herauszukommen. Es ist müßig, sich über die Dinge von morgen Gedanken zu machen. Ich habe noch keinen Einfluss darauf. Lasse ich zu, dass mich der Kommentar des Busfahrers verletzt? Nein. Ich nehme sein Angebot dankend an und frage ihn, wann wir das Laufen lernen gemeinsam angreifen. Er schaut verdutzt, entschuldigt sich, murmelt was von „knappen Fahrplan“ und erzählt mir dann von seiner Nichte, die so jung schon eine neue Hüfte braucht. Er macht sich Sorgen.

Achtsamkeit heißt für mich auch, nicht immer dem ersten Eindruck zu trauen. Jeder Mensch hat seine Geschichte und jeder versteckt seinen Schmerz hinter einer anderen Maske – da lohnt sich sehr oft ein zweiter Blick.

Fürchten Sie nicht den Sturm.
Stärken Sie Ihre Wurzeln.

 

 

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