Mein Ändern leben – Oder: Bleibt alles anders?

 

Gerade als Schmerzpatient erfährt man Veränderung. Nicht langsam und schleichend, sondern eher so:

Bämm.
Hier bin ich. Dein Schmerz.
Und jetzt mach mal.

Kennen Sie dieses Gefühl, das einen da beschleicht? Bei mir ging das erst einmal in die andere Richtung, nämlich: Nee, ich lass mal. Bewegung tut weh. Gedanken an Bewegung allein tun schon weh. Veränderung braucht aber Bewegung – körperlich wie geistig – also habe ich „Veränderung“ von der To Do Liste auf die „Was soll’s Liste“ gesetzt. Veränderung hat sich aber trotz des beharrlichen Setzens auf die „Was-solls-Liste“ durch die Erkrankung ergeben. In der Partnerschaft, in Freundschaften, im beruflichen Umfeld und zu guter Letzt auch in mir.

Mein Kleiderschrank ist wahrlich gut gefüllt. Wonach griff ich aber jeden Morgen? Zur Jogginghose. Welch Schmach für dieses Kleidungsstück, denn ich habe alles Mögliche getan, aber nicht das, was dem Namen gerecht würde. Höchstens Ritter Sport. Ist doch egal. Mir gehts schlecht. Das kann man bitteschön auch sehen.

Durch die Medikamente und – ist so – reichlich Ritter Sport habe ich relativ fix mein Speck-drum erweitert. Von ursprünglich 60 kg habe ich mein Körpergewicht auf stolze 85 kg katapultiert. Das hat sich nicht gut angefühlt und auch meine Hüfte hat – mit Recht – protestiert. Na und. Ich kann ja nichts dafür. Das sind die Medikamente. Es passiert so viel mit mir in dieser Zeit, was ich nicht gut finde, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich bin gegen den Schmerz machtlos und gegen alles andere auch. Lasst mich bloß in Ruhe.

Meine Lektüre bestand in erster Linie aus Beipackzetteln und Frauenzeitschriften, die es so in den Wartezimmern gibt. Fachfrau in Sachen Risiken und Nebenwirkungen und offene Fragen zu Geschehnissen in diversen Königshäusern? Fragt mich. Da bin ich voll im Stoff.

Ich war in meinem ganzen Sein Ausdruck meiner dem Schmerz gegenüber erklärten Kapitulation. Das wurde mir sehr deutlich klar gemacht, als ich mich mit einer mir sehr herzensnahen Freundin getroffen habe. Natürlich nicht auf meine Initiative hin, denn auch soziale Kontakte waren ätzend und anstrengend. Wir haben uns – weil sie zum Glück verflixt hartnäckig war – getroffen und trotz meines wohl gehüteten Selbstmitleid-Panzers habe ich ihr erschrockenes Gesicht wahrgenommen, allerdings dieses auch erst einmal für mich abgeblockt mit dem Gedanken, siehste, ich weiß doch, das Leute treffen doof ist, wenn es mir nicht gut geht. Ich habe dieses Treffen auch nicht gewollt. Sieh zu, wie Du damit klar kommst.
Im Gespräch mit ihr vielen sehr deutliche Worte, die mir erst einmal weh getan haben. Dem Impuls, mich schmollend in mich zurückzuziehen, habe ich nicht nachgegeben, was ich  ihrer liebevollen Beharrlichkeit zu verdanken habe. Auch ist mir in der Begegnung klar geworden, dass das, was jetzt gerade passiert, nicht mehr mein Leben ist und ich nicht mehr ich bin. Als sie sich verabschiedet hat mit den Worten: „Kannst Du bitte etwas machen, damit ich meine Claudi wieder habe? Ich vermisse Dich. Und uns“ haben wir beide eine Runde Rotz und Wasser geheult. Das hat meine Seelenfenster geputzt und ich habe die Ärmel hochgekrempelt. Ja. Ich will mein Leben wieder selbst gestalten, meinetwegen auch mit Schmerz, wenn es sein muss, aber ich nehme das Ruder wieder in die Hand. Ich will mich wieder spüren, wahrnehmen, mich wieder erkennen.

Aber wie packe ich es an? Die zu bewältigenden Dinge waren gefühlt erst einmal zu viele und fast wäre ich wieder an diesem Gefühl „das schaffe ich ja nie“ gescheitert.

Falls Sie schon ein paar Artikel in unserem Ratgeber gelesen haben, ahnen Sie, was jetzt kommt. Alles auf einmal geht nicht, da wäre mein Scheitern vorprogrammiert gewesen. Was bleibt? Genau. Der Weg der kleinen Schritte.

Phase 1

Sofort am nächsten Morgen die Jogginghose verbannt und ihr erklärt, dass sie nur noch zum Einsatz kommt, wenn wir das tun, wofür sie gemacht ist. Das war im übrigen hart für uns beide. Sie hatte mit Trennungsschmerz zu kämpfen und ich mit der Tatsache, dass mir gerade nicht mehr viel passt. Klar. 15 kg mehr, das mogelt man nicht mal so in eine Jeans, die mit 60 kg noch unter Wohlfühljeans lief. Die Verlockung, doch wieder zur Jogginghose zu greifen, war groß. Aber ich habe widerstanden und war in diesem Moment zum ersten Mal nach langer Zeit wieder richtig stolz auf mich.

Phase 2

Die „Was-solls-Liste“ habe ich entrümpelt. Radikal. Ich gebe zu, es hat sich hier bei mir eine Art Trennungsschmerz eingeschlichen, denn sie war schon sehr bequem. Ganz aufgeben wollte ich sie nicht, konnte ich damals auch noch nicht, denn sie war  eine Art „Sicherheitsgurt“ für mich. Also habe ich sie als „Parkplatz“ genutzt. Welche Schritte müssen gleich sein -> auf die To Do Liste. Was folgt als nächstes? Was scheint mir gerade noch unmöglich, will ich aber auf jeden Fall noch machen? -> Auf die „Was-solls-Liste“. Erst einmal gut geparkt und im Grunde wurde sie so zu meiner Motivationsliste. Ziele sind mir wichtig. Das habe ich endlich wieder gespürt.

Phase 3

Dem Schmerz nicht mehr die Kapitulation erklärt, sondern ihm ganz klar eine Kampfansage gemacht. Das war hart für ihn, ich wette. Mir ging es aber nach dieser Kampfansage, die ich übrigens feierlich schriftlich niedergelegt habe, damit er sie sich hinter den Spiegel stecken kann, gut. Wenn es mal schwierige Zeiten gab, habe ich mir diese Kampfansage durchgelesen. Das hat mich wieder auf meinen Weg gebracht und ich habe festgestellt, dass diese Kampfansage viel mehr eine Vereinbarung ist, die ich mit mir selbst geschlossen habe. Die werde ich nicht brechen. Das wurde mir klar.

Phase 4

Mein Speck-drum abgebaut. Krankengymnastik und Mucki-Bude durchgezogen. Weniger „Frustfuttern“, weniger Schokolade, mehr gesunde Kost und mehr, viel mehr Trinken (… und ich meine hier Wasser, Tee etc., natürlich kein Alkohol). Das tut nicht nur dem Körper gut, sondern auch dem Hirn. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass alles mal so richtig durchgespült wird, auch wenn ich so Mitglied im Bunde der „5 Millionen Menschen müssen nachts raus“-Jünger wurde. Die körperliche Aktivität und im wahrsten Sinne auch körperliche Erleichterung hat mich auch dazu ermuntert, meine Freundschaften wieder zu pflegen, und zwar aktiv. Es war – entgegen meiner Sorge – auch kein Problem, wenn langes Sitzen nicht ging. Auch kurze Treffen waren okay und die Tatsache, dass ich manches Mal nicht wusste, wie ich meinen Astralkörper denn nun parken sollte, hat mich in meinem Freundeskreis zum Erfinder des „Couch-Kamasutras“ werden lassen. Egal wie krumm und schief. Egal, ob Du gut drauf bist oder nicht. Hauptsache Du bist da. Alles gut.

Phase 5

Um der kompletten geistigen Vernebelung zu entkommen, habe ich Frauenzeitschriften ignoriert und stattdessen ein gutes Buch mitgenommen, um den Wartezimmer-Marathon zu bestehen und diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Mein Hirn hat aber nach mehr Futter verlangt. Was tun? Durch den Krankenstand hatte ich das, was sonst immer fehlt: Zeit. Durch die Schmerzen war ich oft nachtaktiv. Ungenutzte Zeit, denn nur den Schmerz bejammern geht ja nicht mehr, das verbietet mir meine Kampfansage. Also habe ich ein Fernstudium absolviert. Das Lernen kann ich mir einteilen, das Hirn bekommt etwas zu tun und jede bestandene Klausur war ein mir wohltuendes Erfolgserlebnis.

Phase 5

Weiter nach Mitstreitern gesucht, die mich in der Umsetzung meiner Kampfansage dem Schmerz gegenüber unterstützen. Den ersten Reha-Antrag gestellt und die Reha durchgezogen. Den zweiten Reha-Antrag gestellt und die zweite Reha durchgezogen. In dieser Reha auch den Kampf gewonnen, mich nicht in Frührente schicken zu lassen. Das war und ist nach wie vor ein No Go  für mich. Mein Leben – sowohl in privater als auch in beruflicher Hinsicht – wie es jetzt ist, zeigt mir, dass mein mich der Frührente widersetzen die einzig richtige Entscheidung war. Nach der zweiten Reha ging es mir nach wie vor nicht gut. Durch den Hinweis meines damaligen Physiotherapeuten in der zweiten Reha habe ich von der Speziellen Orthopädischen Schmerztherapie erfahren und just nach der Physioeinheit dort einen Termin gemacht. Diese Schmerztherapie war kein Sonntagsspaziergang, aber eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe, auch wenn das jetzt furchtbar pathetisch klingt. Mit Herrn Dr. Artner hatte und habe ich einen kompetenten und wahrlich unermüdlichen Wegbegleiter und mit ihm ein Team, das mit Herz und Hirn engagiert ist. Eine gute und für mich auch im Rückblick sehr wertvolle Zeit.

Die schlechte Nachricht zuerst: Veränderung ist schwer.

Haben Sie schon einmal versucht, Ihre Uhr nicht mehr am linken Handgelenk zu tragen, sondern am rechten? Ich habe es probiert und Sie können sich vorstellen, wie oft ich auf das linke Handgelenk geschaut habe. So schwer ist Veränderung schon in den kleinen Dingen – wie schwer dann erst im großen Ganzen?

Die gute Nachricht:

Sie ist möglich. Dafür braucht es ganz klar Ihre Entscheidung. Ohne Wenn und Aber. Verbarrikadieren Sie sämtliche Schlupflöcher für Ausreden. Schließen Sie eine Vereinbarung mit sich selbst und beginnen Sie sofort damit, etwas zu verändern. Machen Sie den ersten Schritt.

Dem Wanderer erschließt sich der Weg nicht durch das Studieren von Karten – er muss loslaufen. Tun Sie das auch.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, es ist leicht, ein Anfangs-Euphoriker zu sein. Darin bin ich richtig, richtig gut. Das Durchhalten ist die Herausforderung, die sich immer wieder stellt. Ein Punkt hat mir  beim Durchhalten ganz gewaltig geholfen:

Ich erlaube mir, zu scheitern.

 Meine Übungen für den Rücken mache ich jeden Morgen.  Einige Male in der Woche eine Stunde Radeln auf dem Hometrainer. Qi Gong / Meditation ausgiebig am Wochenende oder abends, wenn der Kopf nicht zur Ruhe kommen mag. Das klappt. Meistens. Manches Mal auch nicht. Manchmal auch gar nicht.
Das erlaube ich mir. Da darf der innere Schweinehund mit mir auf der Couch kuscheln, anstatt gelangweilt auf selbiger auf mich zu warten. Wenn der Kampf mit dem Bettzipfel morgens mal länger dauert, fällt das Üben aus. Das ist auch mal okay. Aber: Das eigentliche Ziel verliere ich nicht aus den Augen und bringe mich am nächsten Tag wieder „in die Spur“. All meine guten Ausreden, warum etwas nicht geht, schicke ich in die Wüste und besinne mich darauf, dass das genau der Weg ist, um die Gefahr künftiger „Bämm“-Situationen zu reduzieren. Ich habe die Entscheidung für diesen Weg klar selbst getroffen, also gehe ich ihn auch – selbst mit murrendem Schweinehund…

Veränderung ist Teil unseres Lebens, die uns ständig begleitet. Ich habe schöne Zeilen hierzu entdeckt, die mir in den schwierigen Momenten den Rücken stärken. Diese gebe ich Ihnen gern mit auf Ihren Weg.

Veränderung

Lange genug mit angezogener Handbremse gelebt.
Jetzt bügle ich mir die Zweifel aus meinem Gesicht.

Bitte die Vorsicht zum Tänzchen,
küsse die Sicherheit auf die Nase,

frage die Bequemlichkeit nach dem Weg,
packe meinen inneren Koffer

und lasse meine Gefühle endlich über die Ufer schweben.

(Petra Ewering)

 

 

Lösen Sie Ihre angezogene Handbremse.
Bleiben Sie neugierig. Mutig. Überrascht.

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